Benefit
Esskultur bei der Kindertafel
Die Kindertafel ist ein diakonisches Programm der evangelisch-lutherischen Paul-Gerhardt-Gemeinde im Stadtteil Neu-Hagen in Lüneburg und seit 1995 Zufluchtsort für Kinder aus sozial schwachen Familien. Hier bekommen sie ein warmes Mittagessen und die Möglichkeit sich mitzueilen, aber auch Trost und Rat bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern zu suchen. In der Kindertafel heißt Esskultur, sich an Regeln zu halten und Rituale zu bewahren. Doch hier geht es um mehr als nur ein Mittagessen. "Es geht um Herzenswärme", sagt Leiterin Birgit von Paris.
BeneFit: Erziehen Sie "Ihre" Kinder?
Birgit von Paris: Wir haben keinen Erziehungsauftrag. Keiner der ehrenamtlichen Kindertafel-Mitarbeiter sitzt am Tisch und sagt: "Du musst das so machen." Aber jeder ist gerne bereit beim Essen zu helfen. Die Devise lautet: "Soll ich Dir mal zeigen, wie Du das viel besser essen kannst."
BeneFit: Dürfen die Kinder über das Essen meckern?
Birgit von Paris: Doch. Klar dürfen die Kinder meckern. Tun wir doch auch. Sicherlich gibt es einen Unterschied zwischen "Mir schmecken die Kartoffeln nicht" und "So ein Scheißfraß esse ich nicht." Die Kinder dürfen sich kultiviert über das Essen beschweren beziehungsweise auslassen, aber Pöbeln ist verboten.
BeneFit: Reicht es, durch seine Esskultur Kinder auf den richtigen Weg zu bringen?
Birgit von Paris: Das Essen ist ein wichtiger Punkt und sicherlich eine Grundlage. Denn Kinder müssen ausreichend und gesund ernährt werden. Das ist schon mal eine gute Voraussetzung, damit sie gute Leistungen in der Schule bringen. Sie auf den richtigen Weg zu bringen, dazu gehört mehr.
BeneFit: Sind die Eltern in irgendeiner Form integriert, was das Essen in der Kindertafel angeht?
Birgit von Paris: Nein. Weil viele Eltern selbst kein Verhältnis zum Essen haben. Ich ärgere mich immer furchtbar, wenn ich unsere Mütter beim Einkaufen mit vorgegarten Baked Potatoes, Chicken Nuggets und so weiter sehe. Das kostet so viel Geld! Die Familien leben von Hartz IV und kaufen nur diese fertigen Sachen. Dann hatte ich eine Idee. Seit einiger Zeit laden wir die Mütter einmal im Monat zu uns in die Kindertafel ein und zeigen ihnen, dass man auch preiswert kochen kann. Jede Mutter ist einmal dran, sucht Rezepte aus, kauft ein, verteilt Aufgaben an die anderen Mütter und dann geht's los. Wir kochen zusammen. Arabisch, indisch, türkisch oder auch polnisch. Der Tisch wird schön gedeckt und besonders dekoriert. Alle sitzen gemeinsam am großen Tisch. Groß und Klein zusammen. Das macht viel Freude.
©Benefit Januar/Februar 2011
