Hamburger Abendblatt

Serie: Starke Frauen in der Region südlich der Elbe

"Am ersten Tag habe ich die Suppe ausgekippt"

Von Julia Steinberg-Böthig

Wenn der Chef eine Chefin ist. Heute stellen wird Birgit von Paris, Leiterin und treibende Kraft der Lüneburger Kindertafel, vor.

Lüneburg. Seit zehn Jahren ist Birgit von Paris die treibende Kraft der Lüneburger Kindertafel. Die zierliche Frau mit dem hellen Kurzhaarschnitt hat aus dem ehemals einfachen Mittagstisch für Kinder aus sozial benachteiligten Familien der Paul-Gerhardt-Gemeinde im Lüneburger Stadtteil Hagen eine Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern gemacht. Neben dem Mittagstisch in der Schulzeit von montags bis freitags gibt es auch das Schulbrot für den nächsten Tag, Hausaufgabenhilfe und Förderunterricht, Mal- und Bastelkurse, eine Theatergruppe, Judotraining, Fußball, Waldspaziergänge und Müttertreffen.

Angefangen hat die heute 61-Jährige vor rund zehn Jahren aus schlichter Langeweile, daraus macht sie auch gar kein Geheimnis. "Mein Mann wurde damals beruflich nach Munster versetzt, und meine Tochter ging nach London. Ich war den ganzen Tag mit meinen beiden Katzen allein in einem 180 Quadratmeter großen Haus." Im Gemeindebrief las sie dann, dass Helfer für die Kindertafel gesucht werden, und zwar zum Essen abholen.

"Das habe ich genau einen Tag lang gemacht", erinnert sich von Paris und lächelt bei der Erinnerung daran, wie sie versuchte, die großen Boxen in ihr kleines Auto zu zwängen und wie auf der Fahrt dann die Suppe ausgekippt ist. "Das war eine riesige Schweinerei kann ich Ihnen sagen." Kurze Zeit später landete sie aber dann doch bei der Kindertafel. Diesmal als Hilfe bei der Essensausgabe. "Einmal in der Woche habe ich geholfen. Damals waren wir drei oder vier Helfer und versorgten etwa zehn bis zwölf Kinder täglich. Heute sind es rund 30 am Tag", so Birgit von Paris.

Von der Entwicklung der Tafel ist sie selbst immer noch begeistert. "Wir haben so viel erreicht. Die Kinder haben so großes Vertrauen in uns und auch die Eltern suchen den Kontakt. Ich bin auf dem Land groß geworden und hatte ein wirklich schönes Zuhause. Ich konnte immer alles erzählen und dieses Gefühl will ich den Kindern hier auch geben", so die gebürtige Rheinländerin, die ihre Kindheit in Kassel verbrachte und dort auch ihren späteren Ehemann kennenlernte. "Eine Jugendliebe", wie sie sagt.

1985 kamen sie mit Tochter Sandra nach Lüneburg. "Wir waren hier und ich dachte nur, das ist meine Stadt", erinnert sie sich lächelnd. Niemals zuvor habe sie dieses Gefühl gehabt und sie seien damals oft umgezogen, weil Ehemann Peter als Berufssoldat verpflichtet war. "Hier wollte ich nicht mehr weg und das ist bis heute so." Ihre Pläne den Ruhestand in der Provence zu verbringen, hat sie unlängst aufgegeben. "Was soll ich denn da? Ich habe doch hier alles, was ich brauche", sagt sie und macht eine ausholende Geste.

Dass sie heute täglich mit der Kindertafel zu tun hat, verdankt sie auch einem Versprechen an sich selbst. "Pastor Wesenick, der 1995 der Initiator der Kindertafel war, bat mich, mich für den Kirchenvorstand zur Wahl zu stellen. Ich sollte die Kindertafel im Vorstand vertreten. Doch ich hatte keine Ahnung, was ich da eigentlich tun sollte, denn bis dahin hatte ich mit dieser Seite der Kirche gar nichts am Hut. Ich wollte eigentlich nicht gewählt werden und nahm mir vor, mehr für die Kindertafel zu tun, wenn ich nicht gewählt werde", so die 61-Jährige. Sie wurde zwar nicht direkt gewählt, aber im Nachhinein von Superintendenten Dr. Christoph Wiesenfeldt berufen. Dass sie dann doch mehr half war selbstverständlich und ergab sich von ganz allein. "Wir brauchten Geld, um den Mittagstisch zu finanzieren, da habe ich mit Öffentlichkeitsarbeit angefangen."

Flyer wurden gedruckt und in Kindergärten und bei Kinderärzten verteilt, Tombolas auf Festen und Betriebsfeiern gegeben, Waffeln für den guten Zweck gebacken und Firmen angeschrieben. Heute "tingelt" Birgit von Paris mit ihrem Team aus freiwilligen Helfern und Kindern der Tafel an etwa 21 Wochenenden im Jahr mit der Tombola durch Stadt und Landkreis. Die Preise sind von Unternehmen gesponsert, der Losverkauf kommt der Tafel zugute. "Es ist nicht selbstverständlich, dass man was bekommt", sagt sie und wird ernst. "Dafür muss man auch was tun." Sie wird heute wieder - wie eigentlich jeden Tag - bis 17 Uhr im Gemeindehaus sitzen und Anrufe entgegen nehmen. "Gerade um Weihnachten herum wollen die Leute uns Gutes tun, da bleibe ich gerne länger hier."

Solange es geht will sie mit der Kindertafel weiter machen. "Allerdings wäre ich schon beruhigter, wenn jemand da wäre, der irgendwann mal meine Aufgaben übernehmen könnte", sagt Birgit von Paris. Bevor sie noch was sagen kann, klingelt schon wieder das Telefon. Ein Ladeninhaber möchte später noch eine Spende vorbeibringen, ob sie um 18 Uhr noch da sei? "Ja, aber sicher", antwortet Birgit von Paris und strahlt dabei.