Die Kreisboten

Mittagessen und ein Stück Familie

Von Von Gerhard Sternitzke

Lüneburg."Die Kinder können doch nichts dafür", sagt Birgit von Paris (61), wenn es um die Familien ihrer Schützlinge geht. Durchschnittlich 30 Kinder am Tag besuchen die Kindertafel Lüneburg im Gemeindehaus der Paul-Gerhardt-Gemeinde im Stadtteil Neu Hagen, und es werden immer mehr. 45 ehrenamtliche Mitarbeiter sorgen dafür, dass seit 1995 jeden Tag ein warmes Mittagessen auf dem Tisch steht, dass Kinder und Jugendliche Hilfe bei den Hausaufgaben erhalten und ein wenig Zuwendung bekommen.

Um die Mittagszeit herrscht ein wuseliges Treiben in den Räumen der Kindertafel. Helle, unbeschwerte Kinderstimmen tönen durch den Flur, die Kleinen haben Appetit. Wer seine Hausaufgaben erledigt hat, spielt draußen. Das Freizeitangebot ist breit, die Kinder können zwischen Fußball, Judo, Tanzen, Theater und Basteln wählen. Am Nachmittag gibt es einen Imbiss und noch ein Pausenbrot für den nächsten Tag. Letzteres ist für viele keine Selbstverständlichkeit.

Christoph (12) beugt sich über ein Schulheft. Er geht gerne zur Kindertafel: „Weil ich zu Hause nicht so gute Hilfe bei den Hausaufgaben bekomme. "Drei Sozialpädagoginnen, die einzigen bezahlten Kräfte bei der Kindertafel, unterstützen die Schüler bei ihren Aufgaben. Mence ist seit vier Jahren regelmäßiger Gast: „Wenn ich mal Hilfe brauche, lernen die mich das", erzählt die 13-Jährige.

Dass es in vielen Familien vorne und hinten fehlt, merkt Birgit von Paris deutlich: „Wenn wir irgendetwas unternehmen, ist die erste Frage: Was kostet das?" Alle Angebote der Kindertafel, auch Grillnachmittage und Ausflüge, sind deshalb kostenlos: „Die Kinder sollen wenigstens bei uns das Gefühl haben, hier können wir mitmachen, hier sind wir nicht die Außenseiter." Die meisten Eltern beziehen Hartz IV, wenn das Geld nicht reicht, kann nur noch am Essen gespart werden. Viele alleinerziehende Mütter haben zudem nicht die Möglichkeit, ihren Sprösslingen ein warmes Mittagessen vorzusetzen und bei den Hausaufgaben zu helfen, wenn sie den Lebensunterhalt verdienen müssen. Häufig zahlen die Väter keinen Unterhalt. Andere sind einfach nicht in der Lage, ihre Kinder zu unterstützen. In vielen Familien gibt es Probleme mit Alkohol.

Das Thema Kinderarmut wird viel zu sehr auf das Materielle reduziert, findet Birgit von Paris, die auch Mitglied im Kirchenvorstand ist: „Wir unterschätzen die seelische Armut der Kinder." Ihre Schützlinge suchen auch Zuwendung und Nähe. So wird die Kindertafel auch zur Ersatzfamilie: „Es ist keiner zu Hause, dem sie etwas erzählen könnten. Die Eltern müssen ja arbeiten."