Landeszeitung
Multikulti am Kochtopf
Bei der Kindertafel in Neu Hagen treffen sich einmal im Monat Mütter aus vielen Nationen
Lüneburg. Für andere wäre es Stress. Doch Emine Yildiz ist sechsfache Mutter, da weiß sie, wie sie im mittelschweren Chaos den Überblick behält und nebenbei Anweisungen gibt. Die Türkin ist heute für das Essen in der Mütter-Kochrunde der Kindertafel verantwortlich. Es gibt Linsensuppe, gefüllte Weinblätter und Teigtaschen mit Lammfleisch. "Ich möchte zeigen, was man in unserem Land kocht", sagt sie. "Und ich lerne Mütter aus anderen Ländern und aus der Nachbarschaft kennen, das macht mir Freude."
Sie lacht, knetet eine Mischung aus Reis, Tomaten und Hack für die Weinblätter durch, und sie ermahnt den kleinen Achmet, nicht mit ungewaschenen Fingern in einer Schüssel zu greifen. Sie hat sich Rezepte gemerkt, die andere Frauen mitgebracht haben, und so gab es bei den Yildiz' zu Hause auch asiatisches Essen.
In Zeiten, in den der ehemalige Berliner Finanzsenator und SPD-Politiker Thilo Sarrazin eine Debatte über mangelnde Integration angezettelt hat, wirkt ein Besuch in der Paul-Gerhardt-Gemeinde wie ein Ausflug in eine andere Welt. Multikulti ist in dem roten Klinkerbau an der Bachstraße Alltag. Immer mehr Kinder, die zum Essen kommen und – noch viel wichtiger – Hilfe bei den Hausaufgaben erhalten, haben ausländische Wurzeln. "Die Leute wollen sich integrieren", sagt Birgit von Paris. "Man muss sie nur ansprechen." Das haben die Leiterin der Kindertafel und ihre Mitstreiter getan. Bis zu 15 Mütter kommen einmal im Monat zum Kochen, sie bringen einen ganzen Schwung Mädchen und Jungen mit. Die Sprache ist kein Problem: "Notfalls geht es mit Händen und Füßen." Sarabjip Rajs Familie stammt aus Indien. Auch sie hat das Menü schon zusammengestellt, heute probiert sie die türkische Küche aus: "Das Angebot gefällt mir. Frauen sitzen oft zu Hause, es ist gut rauszukommen und mit anderen zu sprechen." Neben ihr steht Wardah Jajo aus Syrien, sie sieht es genauso: "Es macht Spaß, und man lernt die Mütter kennen." Zwei ihrer drei Jungen besuchen die Hausaufgabenhilfe: "Sie lernen besser deutsch und haben mit den anderen Kindern zu tun."
Frauen aus Deutschland und Polen sind dabei, umschwirrt von schwarzen und blonden Köpfen. An einem Tisch rollen sie Teig aus, andere formen mit der Füllung kleine Taschen.
Christiane Wolf, Mitarbeiterin der Kindertafel und Studentin, ist für die Organisation zuständig und ein bisschen aufgeregt, weil nicht alle pünktlich um 16 Uhr das sind. Birgit von Paris beruhigt die junge Kollegin: "Das kennen wir doch, dass nicht alle gleich kommen." Schnell rufen sie noch ein paar Mütter an, einige trudeln ein. Die Leiterin weiß, dass sie unabhängig von der Herkunft um Zuverlässigkeit kämpfen muss, auch weil die Mädchen und Jungen sich ein Vorbild an ihren Eltern nehmen – in diesem Punkt nicht das beste.
Nebenan decken Kinder den Tisch, hübsch mit Tischdecken und gelben Servietten. Später sitzen alle zusammen, essen und reden. Es ist längst acht, halb neun, bis sie nach Hause gehen. Die Mütter verabreden noch, wer das nächste Mal kocht und einkauft. Birgit von Paris freut sich über den Erfolg ihrer Integrationspolitik ohne große Worte: "Wenn man etwas gemeinsam macht, entwickelt man mehr Verständnis für einander."
Landeszeitung Februar 2011
Ob Türkisch, Indisch oder Deutsch – die Nationalität spielt beim monatlichen Treffen in erster Linie geschmacklich eine Rolle. Denn die Mütter kochen traditionelle Gerichte aus ihren Heimatländern.
